KLAUS DIBBELT

DAS EIGENSTÄNDIGE ERARBEITEN VON SOLOLITERATUR FÜR DIE GITARRE
UNTER BERÜCKSICHTIGUNG LERNPSYCHOLOGISCHER ERKENNTNISSE
- versuch einer systematischen annäherung -

(1983, als web-dokument überarbeitet 2006)

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vorwort zur neuveröffentlichung

inhaltsverzeichnis

kapitel 1

kapitel 2

kapitel 3

kapitel 4

kapitel 5

kapitel 6

kapitel 7

kapitel 8

abkürzungen und zeichen

anmerkungen

literatur

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3 PRAXIS- UND METHODENBEZOGENE ÜBERLEGUNGEN

            3.1     lernsituation

             3.2       unterrichtsziel eigenständigkeit

             3.3       zielgruppenbestimmung

             3.4       modifizierung der methode (alter, kenntnisstand, lernverhalten, lerntyp)

 

3. PRAXIS- UND METHODENBEZOGENE ÜBERLEGUNGEN

"Der Begriff ist intelligent, die Erinnerung setzt dagegen eine gesehene Sache,
ein Geschehen im menschlichen Organismus fest und bleibt so statisch. (...)
Ist eine Methode (...) auf logischen, intelligenten Begriffen aufgebaut,
kann sie sich immer verändern, denn der Begriff ist immer zeitgemäß. (...)
Das heißt, der Unterricht muß mit der logischen Erkenntnis von Begriffen verbunden sein,
denn man muß den kleinsten Aufwand mit dem größten Ertrag suchen."[70]
ABEL CARLEVARO, gitarrepädagoge und -didakt

 

3.1 lernsituation

die erschliessung allgemeiner kriterien für sinnvolles lernen liess die spezifische situation des eigenständig arbeitenden gitarristen weitgehend ausser betracht:

  • (1) das synkopenbeispiel wurde bewusst trivial gewählt, da es nur die wirkungsweise des transferbegünstigenden und einsichtigen lernens verdeutlichen sollte. die bei der arbeit am werk notwendigen zwischenziele und lernhandlungen sind zwar erheblich subtiler und vielfältiger[71], können aber durchweg mit der beschriebenen strategie bewältigt werden.

  • (2) die ausführliche darstellung diente der setzung eines ideals. die konsequente anwendung beim "täglichen üben" ist illusorisch:
    wenn jede musikalische gegebenheit lernzentriert verarbeitet wird, ist zielzentrierte arbeit am werk unmöglich. selbst wenn nur einige phänomene selektiert werden, muss sich das begriffsverhalten in grenzen halten (zumal auf jedes element mehrere begriffe anzuwenden sind und bei optimaler vernetzung ein begriff gleichzeitig zur reaktivierung anderer führt usf.).

    die auswahl von intensiv zu behandelnden gegebenheiten und die weite des jeweiligen exkurses kann aber wiederum von bestehenden einsichten abgeleitet werden (die arbeit könnte sich z.b. auf solche faktoren konzentrieren, die schon wiederholt zu schwierigkeiten geführt haben oder als wesentlich für das stück, eine epoche, den persönlichen fortschritt o.a. erachtet werden).

  • (3) es wurde vor allem die arbeit an unbekannten oder wenig vertrauten gegebenheiten beschrieben. in solchen fällen ist der lernaufwand natürlich immens. es ist aber gerade ziel und ergebnis kontinuierlichen einsichtigen und transferbegünstigenden lernens, eine umfassende kognitive orientierungsgrundlage (ein begriffssystem) zu erstellen, die im laufe der zeit nahezu selbsttätig wirkt. wenn (im idealfall) alle gegebenheiten sofort systematisch verarbeitet werden, wird bei der erfassung eines neuen phänomens statt der unzähligen einzelverbindungen nur noch der bezug zum errichteten begriff herzustellen sein. die einzelnen punkte (1)-(6) werden dann häufig in einem einzigen arbeitsgang bewältigt werden können.
3.2. unterrichtsziel eigenständigkeit

es ist nun zu berücksichtigen, dass ein eigenständig arbeitender gitarrist wahrscheinlich mehrere jahre unterricht und instrumentale beschäftigung hinter sich hat.

da der "Lehrplan Gitarre" des "VdM"[73] die eigenständigkeit
des gitarristen auf keiner unterrichtsstufe als ziel ausspricht[74], kann nur vermutet werden, dass sie im bereich der "Mittelstufe 2"[75] anzusiedeln ist, deren inhalt laut der "Präambel"[76] u.a. "die Entwicklung eigener gestalterischer Fähigkeiten" ist.

eine betrachtung des unterrichts, der der im thema gegebenen situation vorausgegangen sein dürfte, ist hier unumgänglich.

während dieser mehrjährigen ausbildung besteht die chance, ein umfassendes repertoire an musikalischen und gitarristischen begriffen[77] zu bilden. über die im "Lehrplan Gitarre"[78] vereinzelt angegebenen diesbezüglichen "Arbeitsinhalte" hinaus ist nach den bisherigen ausführungen zu fordern:

der schüler muss möglichst viele begriffe, die zu dem jeweils in arbeit befindlichen stück einen wesentlichen bezug haben, kognitiv bewältigen.

die art nämlich, wie sie gelernt werden, ist entscheidend dafür, ob diese begriffe orientierungsgrundlage für spätere situationen sein können[79]. wenn sie nicht einsichtig und transferbegünstigend verarbeitet werden, wird eine reaktivierung unwahrscheinlich sein.

so gesehen, hat jedes stück auch die funktion einer etüde.

tatsächlich aber wissen schüler selbst beim studium einer etüde häufig nicht, was eigentlich der in ihr angebotene musikalische oder technische begriff ist.[80]

der prospektive akzent des lernens muss dem schüler von anfang an deutlich werden.


nach meinen erfahrungen ist der instrumentalunterricht aber oft nur ein "lernen von beispielen"[81]. der schüler wird in seiner zielzentriertheit voll bestärkt, da der lehrer andernfalls ein nachlassen der motivation befürchtet. das lernen soll möglichst unbemerkt erfolgen.[82]


wenn auch konzessionen an motivation und spielfreude mit sicherheit notwendig sind, geht die aufgabe des pädagogen doch darüber hinaus, die unmittelbaren und konkreten bedürfnisse seines schülers zu befriedigen.[83]

das spielen darf in seiner bedeutung nicht herabgemindert werden; es gilt aber, den unterschied zwischen "spielen" und "lernen" (und hierbei wieder zwischen "erarbeiten" und "üben") herauszustellen und die bewusst getrennte, intensive ausführung dieser beschäftigungen (unter berücksichtigung ihrer spezifischen eigenschaften und erfordernisse) zu schulen. der übliche etikettenschwindel muss zugunsten der vermittlung und erfahrbarmachung der grundverschiedenen positiven werte der tätigkeiten aufgegeben werden:

"lernen" macht nicht erst freude, wenn es als "spielen" verkauft wird.

soll ein ziel des unterrichts sein, den schüler zu eigenständiger arbeit zu befähigen, müssen - und hinweise darauf sucht man im "Lehrplan Gitarre" vergeblich - die entwicklung und gezielte anwendung von arbeits- und übetechniken, lernmethoden und -strategien und deren ableitbarkeit aus der musikalischen situation zum unterrichtsgegenstand werden.

jeder lernschritt muss also ein schritt zur eigenständigkeit sein. als ideal wird postuliert:

nachdem der schüler ein lernziel (die beherrschung eines stücks) erreicht hat, muss er in der lage sein, einen gleichartigen lerninhalt (ein vergleichbares stück) weitgehend eigenständig zu bewältigen.[84]

um dieses unterrichtsergebnis, das in dem wort "ein guter lehrer macht sich überflüssig" treffend gefordert ist, zu erreichen, muss der pädagoge seine didaktischen und methodischen karten dem schüler gegenüber offenlegen. "Kinder werden nicht von selbst erfahrene Lerner; wir müssen ihnen helfen, es zu werden."[85]

eigenständige arbeit ist also zugleich auch autodidaktik. in diesem sinne sind das einleitende zitat und andere den unterricht betreffende aussagen für das thema umzuformulieren: lehrer und lerner sind identisch.
eigenständige arbeit ist - eine zumindest teilweise realisierung der obigen forderungen vorausgesetzt - auf jeder lernstufe des "Lehrplans Gitarre" möglich.[86]

3.3. zielgruppenbestimmung

diese tatsache bedeutet für die darstellung einer methode ein problem:

obwohl eine eigenständige arbeitsmethode mit den lernzielen gewachsen sein muss, soll sie hier als fertiges modell dargelegt werden. es muss also eine zielgruppe gesetzt werden, für die die methode geschildert wird; die definition erfolgt möglichst problemspezifisch:

  • (1) da der gitarrist erfahrungsgemäss erst nach längerem unterricht mit der notwendigkeit, eigenständig zu arbeiten, konfrontiert ist, wird hier eine weitgehende kenntnis musikalischer und gitarristischer grundbegriffe vorausgesetzt, die ohne definition oder erklärung verwendet werden. (in der unterrichtspraxis gewöhnlich vernachlässigte aspekte und orientierungsgrundlagen - wie z.b. die fixierungstechnik[87] - werden aber teilweise eingehender behandelt.)
  • (2) entsprechend wird der lernende altersmässig als nahezu erwachsen eingestuft.
  • (3) nach meinen erfahrungen ist aber die instrumentale eigenständigkeit gerade in dieser phase weit hinter den konkreten arbeitsinhalten zurückgeblieben. daher konzentriert sich die darstellung auf eine sorgfältige beschreibung und begründung der grundsätze, des lernwegs und der reihenfolge der schritte.

 

3.4. modifizierung der methode (alter, kenntnissanstand, lernverhalten, lerntyp)

da die willkürliche altersbestimmung und die annahme einer in diesem ausmass seltenen diskrepanz zwischen dem inhaltlichen und methodischen kenntnisstand eine nahezu inexistente zielgruppe konstruiert, ist die methode dementsprechend individuell zu modifizieren. sie sollte lediglich ihrem sinn gemäss angewendet werden, auf dessen darstellung im vorangegangenen kapitel besonderer wert gelegt wurde, der aber auch in den folgenden, wenn nötig, spezifiziert wird.

auch die persönlichen neigungen des lernenden sind für die anwendung einer methode von bedeutung. VESTER[89] legt überzeugend dar, dass für menschen unterschiedlichen "Grundmusters" bestimmte formen des lernens mehr oder weniger angemessen und erfolgversprechend sind. er führt das auf die individuell verschieden stark ausgeprägten nervenleitungen von den einzelnen "Eingangskanälen"[90](sinnesorganen) zum zentralnervensystem zurück. ein verbal-abstrakter lerner wird sich am ehesten über begriffsnamen zugang zum stück verschaffen können, ein visueller typ findet kontakt über das notenbild, und der auditive typ kann sich den strukturen am besten beim hören des stücks nähern.[91] die schwelle des als anschaulich empfundenen liegt offenbar in den einzelnen sinnen verschieden hoch.

um eine erarbeitungsmethode für die eigenen bedürfnisse modifizieren zu können, ist es also nötig, "den eigenen Lerntyp herauszufinden".[92]

generell gilt: je "mehr Kanäle der Wahrnehmung benutzt werden (...), desto fester wird das Wissen gespeichert, desto vielfältiger wird es verankert und auch verstanden."[93]

weiter (->KAPITEL 4)